Auf ihrer Mitgliederversammlung am 20. Januar in Dresden hat die LSU Sachsen nach langer Diskussion ein Grundsatz- und Forderungspapier beschlossen, das der Dresdner Erklärung und ihrem Leitgedanken, Bildung als Grundlage für gelebte Toleranz zum Zwecke der Aufklärung einzusetzen, Rechnung tragen soll.

“Das Papier soll die Grundlage für die vertiefte inhaltliche Arbeit in den kommenden Wochen und Monaten darstellen. Dazu wollen wir uns nun verstärkt mit Akteuren aus der Staatsregierung und Bildungsinstitutionen vor Ort vernetzen.” sagt David Scharf, Landesvorsitzender der LSU Sachsen.

Im Papier werden sowohl wichtige Grundsätze für die bildungspolitische Arbeit der LSU Sachsen formuliert, als auch Forderungen aufgestellt, die sich auf alle Bereiche des Bildungssystems im Freiataat Sachsen beziehen.

“Wir sind durch den Beschluss dieser Grundsätze und Forderungen nun sowohl darauf vorbereitet, landesweit aktiv zu werden, als auch mit den Bildungseinrichtungen in den Kommunen verstärkt zusammenzuarbeiten.” sagt Christoph Genzel, stellvertretender Landesvorsitzender der LSU Sachsen, der für die Beschlussvorlage des Papiers verantwortlich war.

Das Dokument finden Sie hier im PDF-Format: 2018-01-20_Bildungspapier_LSU sowie im Volltext:

 

Gute Bildung als Garant für Toleranz und Akzeptanz im Freistaat Sachsen

Die LSU Sachsen hat in ihrem Gründungsdokument, der Dresdner Erklärung, dem Thema Bildung einen hohen Stellenwert zugesprochen. Diesem Leitgedanken folgend möchte die LSU Sachsen nun Forderungen und Positionen formulieren, die eine Verbesserung der Bildung zugunsten von Toleranz, Akzeptanz und gegen jegliche Form von Gewalt anstreben. Dabei folgen wir den drei Grundprinzipien:

  1. Unwissenheit ist die Grundlage für die Ablehnung oder Diskriminierung von Menschen mit anderer sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität. Daher setzen wir uns für Maßnahmen der Aufklärung und Information im gesamten Bildungssystem ein.
  2. Alle Maßnahmen, die auf eine gewollte provokante Überspitzung, eine Ungleichbehandlung oder Unterdrückung abzielen oder bloße Aufmerksamkeit auf Diskriminierung lenken wollen, lehnen wir prinzipiell ab.
  3. Wir erkennen gute Bildung als notwendige Voraussetzung für eine Gesellschaft gelebter Toleranz an und stellen uns entschieden gegen jeden ideologischen Einfluss auf die Bildung in allen Bereichen.

Vorschulische Bildung

Kindertagesstätten und Vorschulen sind keine Orte der aktiven Sexualerziehung. Gleichwohl muss in solchen Einrichtungen dafür Sorge getragen werden, dass Kinder für ihren Lebensweg in einer Gesellschaft der Vielfalt und Toleranz vorbereitet werden. Dazu zählt auch, dass sie im spielerischen Umgang oder in ihren ersten Lernerfahrungen dafür sensibilisiert werden, dass Gewalt keine Form des Diskurses sein darf und dass Menschen aufgrund ihrer Merkmale, Gewohnheiten und Neigungen nicht ausgegrenzt werden dürfen.

Schulische Bildung

Der schulischen Bildung an fällt bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu toleranten Mitgliedern unserer demokratischen Gesellschaft eine besondere Aufgabe zu. Die LSU Sachsen möchte ihre Grundsätze der Bildungspolitik daher verstärkt zum Wohle der Bildung von Schülerinnen und Schülern an Grund- und Oberschulen, berufsbildenden Schulen und Gymnasien einbringen.

Gestaltung der Lehrpläne

Zahlreiche vergleichende Analysen bescheinigen dem Freistaat Sachsen ein leistungsfähiges Bildungssystem, in dem Schülerinnen und Schüler im Rahmen der schulischen Bildung eine große Menge an Wissen erwerben und dieses auch adäquat wiedergeben können.

Die bloße Wissensvermittlung in der Schule setzt jedoch noch nicht voraus, dass Schülerinnen und Schüler ihr gewonnenes Wissen im Alltag mit ausreichender Motivation und Qualifikation umsetzen können. Dies fällt besonders im Rahmen der politischen Bildung ins Gewicht, wenn Toleranz und Alternativen zur Gewalt zwar theoretisch vermittelt, aber nicht umgesetzt werden können.

Die LSU Sachsen fordert daher eine Ausrichtung der Rahmenlehrpläne in allen Fächern und Schulformen anhand zu erwerbender Kompetenzen, statt an bloßer Wissensvermittlung.

Sexualerziehung und Aufklärung

Schulen sind Orte der aktiven Sexualerziehung, vorrangig im Rahmen des Biologieunterrichtes. Die LSU Sachsen setzt sich für eine Form der Sexualerziehung ein, die den Schülerinnen und Schülern ein umfassendes Bild sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten vermittelt, sie aber hinsichtlich ihrer eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität nicht beeinflusst.

Darüber hinaus müssen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, offene Fragen mit einer Vertrauensperson an der Schule zu besprechen oder sich individuell beraten und informieren zu können. Aus diesem Grund fordert die LSU Sachsen zudem Maßnahmen, die dafür Sorge tragen, dass entsprechend geschultes pädagogisches Personal an allen Schulen tätig ist. Darüber hinaus wünscht sich die LSU Sachsen eine verstärkte Kooperation der Schulen mit außerschulischen Bildungseinrichtungen, die die Sexualerziehung unterstützen und Schülerinnen und Schülern als kompetente Beratungs- und Informationsstellen zur Seite stehen können.

Vielfalt und Toleranz als Gegenstand fächerübergreifenden Unterrichts

Eine Vermittlung gewaltmeidender Kompetenzen im Sinne des Umgangs mit Vielfalt kann sich in der schulischen Bildung nicht auf ein einziges Unterrichtsfach oder wenige Lernbereiche erstrecken. So ist die Betrachtung historischer Sachverhalte, wie etwa die Diskriminierung und Ermordung Homosexueller im Dritten Reich ebenso wichtig, wie die gegenwartsbezogene politische Bildung und Sexualerziehung.

Aus diesem Grund setzt sich die LSU Sachsen dafür ein, dass die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen fächerübergreifend kompetenzorientiert vermittelt wird.

Bildungsmedien

Die Gestaltung von Schulbüchern und Bildungswebsites ist in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt und bietet Kritikern oft die Möglichkeit, die Darstellung unterschiedlichster Lebensweisen im Lehrmaterial als beeinflussenden Faktor der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu verklären. Ebenso wird die mutmaßliche Zensur historischer Texte von jenen Kritikern oft argumentativ verwertet.

Die LSU Sachsen fordert von Schulbuchverlagen eine angemessene Darstellung der Lebensweisen, die nicht auf eine bewusste, möglicherweise provokative, Übertreibung angelegt ist, sondern sich an der Lebenswirklichkeit der Menschen in unserer Gesellschaft orientiert.

Weiterhin spricht sich die LSU Sachsen entschieden gegen jegliche Abänderung von Begrifflichkeiten in historischen Texten aus, da es auch Aufgabe der Schule ist, Kindern und Jugendlichen den zeitlichen Wandel und den angemessenen und würdevollen Umgang mit der Sprache näherzubringen.

Demokratische Schulkultur

Eine Voraussetzung für eine demokratische Erziehung junger Menschen ist auch, dass diese Demokratie selbst in der Schule erleben und an einer gelebten demokratischen Schulkultur partizipieren können. Das kann nur gelingen, wenn jedwede Einflussnahme politischer Strömungen, Organisationen oder Parteien an den demokratischen Strukturen des Schulsystems ausgeschlossen wird und wenn durch die Schulgesetzgebung auch Mitspracherechte der Schülerschaft in angemessenem Umfang gewährleistet werden.

Da eine lebendige Schuldemokratie ein Garant für Gewaltprävention und gegen Ausgrenzung ist, fordert die LSU Sachsen die Stärkung schuldemokratischer Strukturen unter Beachtung der Mitspracherechte der Schülerinnen und Schüler. Weiterhin ist es uns ein großes Anliegen, die Einflussnahme politischer Strömungen auf Organe der Schülerschaft zu unterbinden.

Schulausstattung und Personal

Um Gewaltprävention, Toleranz und Akzeptanz glaubhaft und wirkungsvoll vermitteln zu können, ist eine angemessene materielle und personelle Ausstattung der Schulen im Freistaat notwendig. Die Schule muss auch durch ihren baulichen Zustand ein Garant für eine gute Lernatmosphäre sein, damit Schülerinnen und Schüler sich beim Lernen wohl fühlen können.

Die LSU Sachsen streitet daher stets für die bestmögliche Ausstattung von Schulen mit modernen Materialien, gut qualifiziertem Personal und setzt sich auf kommunaler Ebene für den Erhalt und die Renovierung von Schulbauten ein.

Hochschulbildung

Lehrerbildung

Im Rahmen der universitären Lehrerbildung muss es das Ziel sein, im Hinblick auf die spätere berufliche Tätigkeit an Schulen qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer auszubilden. Der Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft ist dabei genauso wichtig wie umfassende Kompetenzen in der Aufklärungs- und Beratungsarbeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten.

Aus diesem Grund setzt sich die LSU Sachsen für ein Ausbildungscurriculum der ersten und zweiten Phase der Lehrerbildung ein, das verpflichtend benannte Kompetenzen vermittelt und angehende Lehrer praxisnah auf ihre berufliche Tätigkeit vorbereitet.

Geschlechterforschung

Die Geschlechterforschung ist eine relativ junge wissenschaftliche Disziplin, die in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch oft in Verruf gerät. Gleichsam hat die Geschlechterforschung das Potenzial, moderne wissenschaftliche Erkenntnisse hervorzubringen, die die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen in der Gesellschaft fördern können.

Die LSU Sachsen bekennt sich zur Freiheit der Lehre und Forschung an den Hochschulen und unterstützt die Arbeit von Stellen zur Geschlechterforschung, so etwa das Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Leipzig.

Gleichsam mahnen wir jedoch den verantwortungsvollen Umgang mit Forschungsergebnissen an und setzen uns für eine landesweite Koordinierungsstelle für Geschlechterforschung ein, die vernetzend tätig sein und gewährleisten soll, dass ideologische Einflüsse auf dieses Forschungsfeld unterbleiben.

Verantwortung der Studentenräte

Durch ihre gesetzliche Legitimation kommt den Studentenräten im Freistaat die große Verantwortung zu, sich im Rahmen der Hochschulpolitik landesweit und an den jeweiligen Hochschulen interessenvertretend einzusetzen. Dieses Mitwirkungsrecht wird jedoch aus Sicht der LSU Sachsen flächendeckend missbraucht, da die Amtsträger in den Organen der Studentenschaft beispielsweise durch den verpflichtenden Gebrauch unterschiedlicher Formen von mutmaßlich geschlechtsneutraler Sprache oder der bewussten Herabsetzung bestehender Lebensweisen versuchen, ideologisch motivierte Politik zu betreiben.

Bewusst provokative Maßnahmen, die die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen zwanghaft durchsetzen sollen, lehnt die LSU Sachsen strikt ab. Wir fordern von den Studentenräten, sich im Sinne unserer Grundsätze der Aufklärung zu verschreiben und sich von jeglicher Form der ideologisch motivierten Sprachverfremdung und Herabwürdigung von Lebensweisen zu distanzieren.

Hochschuldidaktik

Da die Hochschulen traditionsreiche Orte der Akzeptanz und des weltoffenen Umgangs sein sollen, setzt sich die LSU Sachsen für hochschuldidaktische Qualifizierungsmaßnahmen ein, die gewährleisten, dass auch die universitäre Lehre inklusiv und integrativ umgesetzt werden kann.

Dazu zählen vor allem hochschuldidaktische Qualifizierungsangebote, die Dozentinnen und Dozenten Kompetenzen im Umgang mit einer heterogenen Studentenschaft näherbringen.

In diesem Sinne unterstützt die LSU Sachsen entsprechende Bestrebungen des Hochschuldidaktischen Zentrums Sachsen oder übergreifender Projekte, wie dem Projekt „Vielfalt lehren“ und setzt sich für eine weitere Ausgestaltung bestehender Fortbildungsangebote ein.

Erwachsenenbildung

Mit dem Abschluss einer Schul- und Berufsausbildung, beziehungsweise eines Studiums, endet für die Menschen der Weg des Lernens nicht. Gerade für ältere Menschen ist es oft schwer, die modernen gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstehen, es fällt jedoch mitunter auch jungen Menschen nicht leicht, neben ihrer Berufstätigkeit mit allen Entwicklungen Schritt zu halten.

Die LSU Sachsen spricht sich aus diesem Grund für eine verstärkte Förderung von Angeboten zur Erwachsenenbildung aus, beispielsweise in Kollegs und Abendschulen, im Rahmen des Seniorenstudiums an sächsischen Universitäten oder im Rahmen des Bildungsauftrages von Parteien und Vereinen. Die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen kann in ihrer Vermittlung keineswegs nur auf die schulische, berufliche oder universitäre Bildung beschränkt sein und muss auch im Rahmen der Erwachsenenbildung für alle Menschen zugänglich sein.

Dresden, 20. Januar 2018